"Du spielst ja total falsch!!" Über die Unwichtigkeit von Technik und Virtuosität in der Musiktherapie
- Dietmar Elsler
- vor 18 Minuten
- 4 Min. Lesezeit

Expressive Gültigkeit, Musiktherapie und soziale Klangskulpturen
Viele Menschen, die in die Musiktherapie kommen, sind zunächst von einer spürbaren Anspannung begleitet. Häufig äußert sich diese in der Sorge, beim Spielen von Instrumenten „etwas falsch zu machen“, „schräge Töne“ hervorzubringen oder den Erwartungen des Therapeuten nicht zu genügen. Diese Haltung ist Ausdruck eines tief verinnerlichten gesellschaftlichen Musters: Musik wird in der westlichen Kultur mit Leistung, Perfektion und technischer Richtigkeit verbunden. Bereits der Musiksoziologe Christopher Small (1998) hat in seinem Werk Musicking darauf hingewiesen, dass in der westlichen Kultur das Musizieren oft auf „korrekte“ Aufführungen reduziert wird, während die eigentliche Bedeutung von Musik im Beziehungs- und Ausdrucksgeschehen zu kurz kommt.
Gerade in der Musiktherapie jedoch ist das Konzept von „richtig“ und „falsch“ gegenstandslos. Es geht nicht um die Einhaltung von Regeln oder die Produktion fehlerfreier Klänge, sondern um die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks. Jeder Ton – ob harmonisch, dissonant, sanft oder rau – ist gültig, wenn er ein authentischer Ausdruck der inneren Befindlichkeit des Spielenden ist. Wie der Künstler Joseph Beuys betonte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (Beuys 1985) – das heißt, jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich, schöpferisch tätig zu sein und seiner Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen. In der Musiktherapie bedeutet dies, dass jeder Klang, der entsteht, künstlerisch und gültig ist, insofern er Ausdruck des Inneren ist.
Um diese Haltung tiefer zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Philosophen Theodor W. Adorno, der den Begriff der „expressiven Gültigkeit“ geprägt hat. Mit ihm lässt sich aufzeigen, warum es in der Musik nicht um technische Richtigkeit, sondern um die Wahrheit des Ausdrucks geht – ein Gedanke, der für die Praxis der Musiktherapie von fundamentaler Bedeutung ist.
Adornos Begriff der expressiven Gültigkeit
Theodor W. Adorno beschreibt in seinen musikphilosophischen Schriften die Kategorie der „expressiven Gültigkeit“ (vgl. Adorno 1962: Einleitung in die Musiksoziologie; Adorno 1970: Ästhetische Theorie). Damit meint er, dass ein musikalisches Werk nicht durch seine technische Perfektion oder objektive Maßstäbe allein Wert erhält, sondern durch die innere Wahrheit seines Ausdrucks. Musik, so Adorno, ist „wahre Sprache“ dort, wo sie das Unsagbare, die gesellschaftliche Spannung und das subjektive Leiden ausdrückt. Sie besitzt Gültigkeit, wenn sie authentisch und wahrhaftig klingt – auch wenn sie „unrein“, dissonant oder unvollkommen erscheint.
Expressive Gültigkeit in der Musiktherapie
In der Musiktherapie ist diese Idee grundlegend. Die therapeutische Wirksamkeit von Musik entsteht nicht aus dem „richtigen“ Spielen, sondern aus der Authentizität des Ausdrucks. Studien belegen, dass improvisatorisches Musizieren heilende Wirkungen entfalten kann, weil es innere Prozesse hörbar macht und dadurch Resonanz, Selbstwahrnehmung und Beziehung ermöglicht (vgl. Bruscia 1998: Defining Music Therapy; Wigram 2004: Improvisation – Methods and Techniques for Music Therapy Clinicians).
Musiktherapeutisch gesprochen heißt das:
• Der Klang eines Patienten ist gültig, weil er Ausdruck seiner Befindlichkeit ist.
•„Fehler“ im musikalischen Sinn haben keinen negativen Stellenwert, sondern sind Teil einer authentischen Mitteilung, wichtig und relevanter Bestandteil des musiktherapeutischen Prozesses.
• Der Therapeut anerkennt und spiegelt diese Ausdrucksweise, sodass sie als wertvoll und bedeutsam erlebt wird.
Genau darin liegt die direkte Anwendung von Adornos Idee:
“Musiktherapie anerkennt den Ausdruck als Wahrheit
und nicht die ästhetische Norm.”
Klangskulpturen als philantropische Medien
In meiner Arbeit über das Hang Balu (Elsler & Baron 2023: The Role of PANArt’s Hang® Balu in Music Therapy) wird die Besonderheit dieser Klangskulpturen thematisiert: Sie sind als soziale Klangskulpturen konzipiert, die kollektives Musizieren ermöglichen, ohne Hierarchien von „richtig“ und „falsch“. Schon die Bauweise ist darauf ausgerichtet, Gleichwertigkeit und Resonanz zu schaffen. Ich betone in meiner Arbeit ja, dass das Hang Balu „eine Demokratie des Klangs“ ermöglicht, in der jeder Beitrag zählt und der individuelle Ausdruck unmittelbar Resonanz im Kollektiv findet.
In Fallstudien aus meiner musiktherapeutischen Praxis zeigte sich, dass Teilnehmer zunächst zögerten, aus Angst, „falsch“ zu spielen. Erst als sie diese Haltung losließen, entstand eine gemeinsame, als „gültig“ erlebte Musik, die zu Selbsterkenntnis und Beziehung führte .
Hier wird Adornos Theorie unmittelbar praktisch – die Gültigkeit liegt im authentischen Ausdruck, nicht in der technischen Korrektheit.
Verbindung zu Joseph Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler
Joseph Beuys formulierte 1967 seine berühmte These: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Damit meinte er nicht, dass jeder die Fähigkeit zur Malerei oder Musik im traditionellen Sinn hat, sondern dass jeder Mensch das Potenzial zur Gestaltung der sozialen Wirklichkeit besitzt. Seine Idee der „Sozialen Plastik“ beschreibt Kunst als einen kollektiven, kreativen Prozess, in dem Gesellschaft durch schöpferische Teilhabe geformt wird (vgl. Beuys 1985: Jeder Mensch ist ein Künstler).
Diese Gedanken finden eine unmittelbare Parallele im Hang Balu:
• Wenn ich beschreibe, dass im Spiel „jede Stimme gleichwertig ist“, so ist dies eine konkrete Umsetzung von Beuys’ Vorstellung, dass jeder Mensch durch kreativen Ausdruck gesellschaftliche Wirklichkeit formt.
• Das gemeinsame Spiel mit dem Hang Balu erzeugt eine „soziale Klangskulptur“, die Beuys’ Idee der „Sozialen Plastik“ in musikalisch-therapeutischer Praxis realisiert.
• Indem auch Menschen ohne musikalische Vorbildung sofort intuitiv mitspielen können, wird Beuys’ Vision einer universellen Kreativität eingelöst: Musik als kollektives Gestaltungsfeld, nicht als exklusives Kunstprodukt.
Adornos Konzept der expressiven Gültigkeit liefert die theoretische Legitimation für den musiktherapeutischen Grundsatz, dass nicht Perfektion, sondern Authentizität zählt. In meiner Arbeit mit dem Hang Balu wird dies in der Praxis umgesetzt: Die Klangskulpturen schaffen Räume, in denen Ausdruck ohne Urteil möglich ist, Resonanz entsteht und gesellschaftliche Hierarchien aufgehoben werden.
Die Verbindung zu Joseph Beuys und Theodor W. Adornos “expressiver Gültigkeit” macht deutlich, dass Musiktherapie mit dem Hang Balu nicht nur individuelles, therapeutisches Potenzial hat, sondern auch einen kulturell-philosophischen Beitrag leistet:
Sie zeigt, dass jeder Mensch im gemeinsamen musikalischen Ausdruck Künstler, jeder klangliche Beitrag gültig und bewertungsresistent ist und so zur Gestaltung einer „sozialen Klangskulptur“ beiträgt.
Literatur:
• Adorno, Th. W. (1962): Einleitung in die Musiksoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
• Adorno, Th. W. (1970): Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
• Beuys, J. (1985): Jeder Mensch ist ein Künstler. Bonn: Free International University.
• Bruscia, K. (1998): Defining Music Therapy. 2nd edition. Barcelona Publishers.
•Elsler, D. & Baron, C. (2023): The Role of PANArt’s Hang® Balu in Music Therapy. Independent Publication.
•Wigram, T. (2004): Improvisation – Methods and Techniques for Music Therapy Clinicians, Educators, and Students. London: Jessica Kingsley.
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