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  • Dietmar Elsler

Dietmar und die Begegnung mit dem Tod

Ja, natürlich hatte ich bereits Begegnungen mit dem Tod. Aber nie so richtig wirklich. Alle Menschen, die ich kannte und gestorben sind, sind ohne mich gestorben. Das heisst nicht, dass meine Anwesenheit unbedingt notwendig gewesen wäre, nein, aber ich war halt nicht anwesend, als sie gestorben sind. Ich war auch nicht anwesend und habe ihren Zerfall beobachtet, wenn sie krank waren. Irgendwann mal kam dann die Nachricht, dass dieser Mensch eben tot sei. Und dann war es eben so. Dann ging ich auf die Beerdigung und was sonst noch dazu gehört, aber begegnet bin ich dem Tod nie, niemals face-to-face.

Als ich während meiner Ausbildung 200 Stunden Praktikum absolvieren musste, war ich ziemlich verzweifelt auf der Suche nach Einrichtungen, die mir einen Praktikumsplatz gewähren würden. Das war alles andere als leicht, denn wir hatten nur eine Excel-Liste mit solchen angeblichen Einrichtungen (wir reden über Altersheime, soziale Einrichtungen, Kliniken, usw.) bekommen. Nach den ersten fünf oder sechs Versuchen, diese Liste abzuarbeiten war mir klar: "...die kannste direkt in die Tonne klopfen." Die Liste war hoffnungslos veraltet, Kontaktpersonen, die da drauf standen, arbeiteten da gar nicht mehr, teilweise war sogar die eine oder andere Abteilung mit anderen Abteilungen zusammengelegt worden.

Tja, so saß ich da, die Zeit tickte und die Praktikumsstunden mussten absolviert werden, wenn ich die Abschlußprüfung noch schaffen wollte, sonst hieß es eben 2 Jahre warten auf die nächste Prüfung. Das kam für mich nicht in Frage. Bei mir im Kurs waren drei oder vier, die die Ausbildung im "Stotterstudium" weitergemacht haben - also immer wieder aufgehört, aufgeschoben, wieder angefangen, wieder aufgehört. So wie ich mich kannte, würde ich das nicht lange durchhalten. Also entweder Kopf runter und durch oder gar nicht.

Wie ich dann an den Kontakt der pediatrischen Palliativcare des Krankenhauses Bozen gekommen bin, weiss ich nicht mehr genau. Jedenfalls hab ich da angerufen, wurde willkommen aufgenommen und drei Tage später hatte ich einen Termin mit der Leiterin des Dienstes. Wir sind dann in einer Besprechung zusammengesessen, haben alles besprochen und ich hab dann mit einer Krankenschwester, die die ambulante Pflege innehatte, einen Termin ausgemacht. Ich sollte mit einem Mädchen einmal wöchentlich musiktherapeutische Behandlungen machen und wir wollten uns vor dem Wohnhaus des Mädchens treffen.

Gesagt getan und wer mich kennt, der weiss, dass ich am besagten Tag bereits eine halbe Stunde vor dem Termin dort war und auf dem Parkplatz wartete, bis die Krankenschwester eintraf.

Da auf dem Parkplatz im Auto sitzend, kamen mir dann schon starke Zweifel. "Was hast du dir da wieder mal eingebrockt?? Musste es gleich Hardcore sein? Gleich mit Kindern, die sterben werden?? Hätte es nicht auch ein bißchen Jugendzentrum oder Altersheim sein können?" Viel später hab ich dann auch eine Antwort auf diese Frage gefunden: Ich wollte gleich mit dem beginnen, was mir am meisten Angst macht.

Mit dem Tod.

Mit Kindern, die sterben müssen.

Davor hatte ich am meisten Angst, diese Hürde muss ich als erstes nehmen, dann schaffe ich alles andere auch.

Die Krankenschwester kam pünktlich, wir begrüßten uns kurz und herzlich und schon standen wir an der Hausglocke. Es öffnete die Mutter des Mädchens und bat uns freundlich herein. Auf meine Bitte hin haben wir uns in der Küche hingesetzt und ich habe mit der Mutter über Musiktherapie gesprochen, was sie kann und auch was sie nicht kann. Ich wollte nicht, dass die Mutter mich wie einen Schamanen sieht, der ihre Tochter jetzt heilt, ich wollte keine falschen Hoffnungen erwecken.

Die Mutter hörte mir aufmerksam zu und wir gingen dann ins Wohnzimmer, wo das Mädchen auf dem Sofa in warme Decken gewickelt lag. Wachkoma, degenerative zerebrale Krankheit, Lebenserwartung nicht mehr als 2 Jahre. 9 Jahre alt, war sie damals.

Jetzt überkam mich doch die Angst, langsam näherte ich mich dem Sofa von hinten, hatte noch keinen Blick auf das Mädchen geworfen, während die Krankenschwester bereits eifrig mit ihrer Arbeit begonnen hatte. Kater Charly, ein wunderschöner schwarzer Kater, kam auch hinter dem Ofen hervor und beäugte mich etwas misstrauisch. Später würden wir gute Freunde werden und Kater Charly würde immer bei mir sitzen und während der Therapie leise schnurren.

Da lag sie nun.

Das Mädchen, das sterben muss.

Ich setze mich auf einen Stuhl schräg gegenüber des Sofas, damit ich der Krankenschwester bei ihrer Arbeit nicht im Wege bin. Die Krankenschwester und die Mutter unterhalten sich über pratkische Dinge, über den Krankheitsverlauf und anderes.

Ich sitze nur da und schau dem kleinen Mädchen ins Gesicht. Sie ist sehr zart, fast scheint sie mir wie ein Wesen von einem anderen Stern. „Welch schönes Bild“ denke ich mir „wie wird sie wohl hergekommen sein und geht sie dorthin wieder zurück, wenn sie stirbt? Haben Ausserirdische auch Seelen, glauben sie an Gott oder eine höhere Macht, haben sie Lieblingsessen und hassen sie zu laute Raumschiffe, die an ihren Wohnungen vorbeidüsen, haben sie Haustiere wie Kater Charly??“

Dann reisst mich die Krankenschwester aus den Gedanken: „Du kannst jetzt anfangen, ich habe mit meiner Arbeit fertig. Ich fahre dann gleich, wir hören uns morgen telefonisch.“ Und schon ist sie weg und die Mutter mit ihr. Und ich sitz jetzt da ganz allein mit dem Mädchen, was sterben muss.

Ich pack mein Instrument aus, fange an ganz ganz leise und ganz vorsichtig zu spielen, achte auf ihre Atmung, auf die Bewegung der Augen, auf den Tonus ihrer Haut, auf die Bewegungen ihrer Hände und Beine. Ich summe leise und singe ihr Geschichten vor: Sie wäre ein bunter Vogel, der auf der Dachrinne draussen sitzt und alle ihre Freunde und ihre Familie wäre da und jetzt geht es los zu einem abenteuerlichen Rundflug über Berge, Flüsse und Wolken.

Die Zeit verfliegt und als ich auf die im Wohnzimmer hängende Uhr schaue, ist eine Stunde vorbei. Ich verabschiede mich von dem Mädchen, sag dass ich nächsten Freitag wiederkomme.

Dann kurz und knackig noch mit der Mutter gesprochen und weg. Ich musste jetzt mal allein sein, mich sortieren, verstehen.

Wenn ich den Leuten erzählte, dass ich mit Kindern arbeite, die bald sterben müssen, dann haben alle sofort diesen mitleidvollen Blick und dann höre ich Sätze wie „Ich könnte sowas ja nicht.“ oder „Wie schaffst du es denn, mit sowas fertig zu werden?“. Sie meinen alle einhellig, dass einen dass ja fertig machen müsste und die letzte Kraft raubte. Dem war nicht so.

Ich bin von dort immer herausgegangen und hatte immer das wunderbare Gefühl, das man so schwer beschreiben kann.

Es war, als hätte ich von innen heraus geleuchtet.

Und diese Kraft, dieses Leuchten, das kam eindeutig von dem Mädchen. Da habe ich keine Zweifel.

Siebzig Wochen lang habe ich sie begleitet, immer Freitags, manchmal Samstags. Dann ist sie gestorben, im April. Den Freitag zuvor war ich noch bei ihr und wir haben gut „geredet“ miteinander, mittlerweile kannten wir uns ja gut. Und am Freitag danach war sie schon tot.

Ich war zuerst geschockt. Aber dann… ja dann war ich gar nicht traurig. Ich dachte zwar „Du musst doch jetzt traurig sein, das kleine Mädchen ist tot und da ist man eben traurig, so gehört sich das!!“ Aber ich war es halt nicht. Dieses Gefühl, das Gefühl von innen heraus zu leuchten, sie hat es mir geschenkt und sie hat es dagelassen. Und wenn ich an sie denke, dann ist es immer noch da, ganz deutlich. Und es ist schön und es ist unbeschreiblich. Und manchmal weine ich, nicht weil ich traurig bin, sondern weil ich erfüllt bin von diesem Gefühl.

So ist Dietmar dem Tod begegnet und siebzig Wochen lang mit ihm und dem Mädchen da gesessen und hat Musik gemacht. Solange die Musik erklang, hat der Tod nichts gesagt und ist ein wenig zurück gerutscht und er hat mit fast schuldbewusstem Blick gesagt „Ich weiss, niemand will mich, aber ich bin der Tod und ich kann nichts anderes, als den Tod bringen.“ Fast als Entschuldigung.

Nun ist sie seit über einem Jahr tot und ich werde sie nie vergessen, dieses strahlende, tiefe, ruhige Mädchen mit der ich dem Tod zum ersten Mal begegnet bin.

Sie hat nichts genommen.

Sie hat mir viel gegeben.

Als Bettler gekommen.

Als König wieder zurück ins Leben.

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